Diðer Müzelik Yazýlar

SMV oder Schüler mit (besonderer) Verantwortung - von Ahmet Çakýr

Als ich Aziz Nesins Geschichte von der hinterhältigen Bestrafung eines Arbeiters las, erinnerte ich mich an meine Berufung als SMV, Schülermitverantwortung. Das war lange vor der Geburt der Verballhornung als Semaver. Die Geschichte mit dem Arbeiter könnte vielen von uns passieren, weil wir heute noch seine Schwäche teilen. Hingegen weiß ich nicht, ob jemand was auf eine rote Armbinde mit drei Buchstaben darauf gibt.

Der besagte Arbeiter war seinem Chef böse aufgefallen und sollte von diesem bestraft werden. Und von der Baustelle vergrault. Wie macht man so etwas, wenn es keine Handhabe gibt? Der Mann hatte ja nichts verbrochen, außer dass er dem Chef unangenehm geworden war. Die Rache des Chefs bestand darin, ihn zum Vorarbeiter zu machen und zu erlauben, dass der Kerl mit der Trillerpfeife im Mund die Baustelle beherrscht. Am nächsten Tag nach der Beförderung wurde er wieder zum Arbeiter degradiert. Kurz danach zog er von dannen, und der Chef war sich sicher, dass dieser Mann nie wieder eine Arbeit finden würde weil zu doof zum Vorarbeiter. Sein Stolz würde ihn andererseits daran hindern, sich jemals wieder als Arbeiter zu verdingen.

Meine Beförderung hatten zwei wichtige Persönlichkeiten der damaligen Zeit beschlossen, unser Klassenlehrer Max Denzel und Besim Bey, unser Deputy Direktor. Wer die Idee mit SMV entwickelt hatte, ist mir nicht bekannt. Schlecht ist sie indes nie gewesen, eine Art Selbstverwaltung der Schüler. Wenn sie nicht damals erfunden worden wäre, könnte man sie auch heute noch als Fortschritt im Schulwesen verkaufen. Sie existiert aber heute noch und erfreut sich vermutlich bester Gesundheit.

Mir wurde feierlich eine rote Armbinde übertragen, die ich während der Pausen und sonstiger schulischen Zeiträume tragen sollte, damit jeder weiß, was ihm blüht, wenn er Unfug macht. Leider hatte ich mit der Annahme der Würden mein Recht verwirkt, selbst Unfug zu veranstalten. Dabei war es ein wichtiger Teil meiner Zeit an der Grundschule gewesen, allerlei Unsinn zu treiben, weil unsere Lehrerin eine Nachbarin gewesen war, die mich bereits als Baby gekannt hatte. Da ich deswegen keine Strafe befürchten musste, musste ich öfters den Anführer der Rasselbande spielen. Und nun das!

Besim Bey erklärte mir mit todernster Miene, dass ich keinerlei Unregelmäßigkeiten im Klassenraum und draußen auf dem Hof dulden solle. Ich sollte die Missetäter sofort und unmissverständlich tadeln. Da ich nicht wusste, was tadeln heißt, habe ich meinen Nachbar in der Klasse gefragt. Ich glaube, dieser war Engin Öktemer. Der meinte, man müsse zum Direktor gehen, dort das Tadelbuch holen und den Sünder und seine Missetat schön eintragen. Vielleicht „Tadel“ doppelt unterstreichen?

Die ersten Tage vergingen ohne besondere Vorkommnisse, vermutlich weil ich wegen meiner Vorgeschichte selbst schlimme Verfehlungen nicht als solche erkennen konnte. Trotzdem trug ich meine Armbinde mit Stolz und war sicher, dass das Fehlen von Sündenfällen damit zusammen hing, dass alle Angst vor diesem Requisit hatten. In diesem Glauben hat mich das Verhalten der Leute in Polonezköy bestärkt, als ich während einer Radtour dort mit meiner Armbinde aufgetaucht war. Gendarmen und Militärs waren die Leute auf dem Dorf gewohnt, aber einen mit einer roten Armbinde hatten sie noch nie gesehen. Sie schlichen vor mir förmlich weg. Vielleicht handelte es sich um eine Einbildung, oder die Menschen dort schlichen immer so durch die Gegend.

Nun kam der unvermeidliche Tag, an dem ich einen Mitschüler tadeln sollte. Ich weiß nicht mehr, was der arme Kerl verbrochen hatte. Jedenfalls erschien die Sache mir so schlimm, dass ich in der nächsten Pause zum Sekretariat eilte, um das „Tadelbuch“ zu holen. Die Sekretärin schüttelte den Kopf und behauptete, dass ein solches Buch nicht existiere. Wie bitte? Wie sollte ich mein Amt ausüben, ohne Sanktionen gegen große Sünden zu verhängen? Da ich nicht locker ließ, schickte sie mich zu einem Herrn Stern. Beim Betreten des dunklen Raums, und erst beim Anblick des alten Herrn, kam in mir richtige Angst auf. Am liebsten wäre ich weggaloppiert. Nun stand ich aber da und stammelte irgendwas von Tadel und Tadelbuch. Na! Das war keine Sternstunde meines Lebens. Herr Dr. Stern brüllte etwas, was ich nicht genau verstand. Der Ton allein hat aber gereicht. Raus war ich!

Zurück in der Klasse musste ich mir noch anhören, dass die Pause schon längst vorbei sei. Mich wegen meines Besuchs bei Dr. Stern zu entschuldigen, wagte ich nicht, und hoffte vielmehr, niemand möge die Story jemals erfahren. Meine Armbinde legte ich leise ab und trug keine Schüler-Mitverantwortung mehr. Viele Jahre später sollte ich erfahren, wer dieser Herr Stern war. Seine Geschichte kann man in dem Buch „Haymatloz“ lesen. Ich vermute, dass seine Empfindlichkeit damit zu erklären ist, dass er mich für einen Denunzianten hielt. Heute verstehe ich seine Aufregung sehr wohl. Wie hätte ich es aber mit 13 Jahren begreifen sollen?

Ich bin zwar nicht verhungert, wie vermutlich der degradierte Vorarbeiter. Aber ein Amt wollte ich später weder in der Schule noch irgendwo anders übernehmen. Die Stern-Minute hatte gereicht!

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